Blogartikel Glitzer
Ellen mit großen Ohrringen, bläst funkelnde Partikel aus der Hand.

Warum ich meine Meinung über Glitzer geändert habe. Und was das mit Deinem Auftritt zu tun hat.

Ich fand Glitzer lange doof. Zu Barbie, zu girly, zu wenig Kante. 

 

Für mich war das die Ästhetik der Gefälligkeit: funkeln, um zu gefallen, glänzen, um bloß niemandem wehzutun. Alles, was ich nie sein wollte. Dann habe ich mich mit dem Material beschäftigt. Und musste mein Urteil kassieren.

 

Glitzer hat eine Funktion

Glitzer ist alt. Schon im alten Ägypten wurden glänzende Partikel genutzt, um Körper, Kleidung und Kunst zu schmücken, im Mittelalter funkelte es auf Kirchenfenstern und Heiligenbildern. Glanz stand seit jeher für Reichtum und Macht – Gold, Silber, Edelsteine, alles, was selten ist und Aufmerksamkeit zieht. Wer glänzte, zeigte: Ich habe etwas, das die anderen nicht haben.

 

Was mich aber wirklich umdenken ließ, war nicht die Prunkgeschichte, sondern die Funktion dahinter. Glitzer lenkt den Blick. Er sagt: Hierher schauen. Und genau deshalb wurde er über die Jahrzehnte zum Material derer, die lange nicht gesehen wurden. Im Glam Rock der 70er sprengten Bowie und Bolan mit Glitzer und geschminkten Gesichtern die Grenzen dessen, wie ein Mann auszusehen hatte. In der queeren Szene steht Glitzer bis heute für Sichtbarkeit und Selbstermächtigung – für die Weigerung, sich unauffällig zu machen, obwohl von einem erwartet wird, unsichtbar zu bleiben.

 

Das ist eine interessante Umwertung. Ausgerechnet das Belächelte, das „feminine Frivole", wird zum Zeichen von Stolz und Widerstand. Glitzer war irgendwie peinlich – wen interessiert schon Funkelkram, wenn man sich mit ernsten Dingen beschäftigen könnte? Genau diese Abwertung ist der Punkt. Was als oberflächlich gilt, wird nicht ernst genommen. Und was nicht ernst genommen wird, kann ungestört wirken.

 

Wenn das Schöne auf Hässliches zeigt

Am deutlichsten wird das beim Glitterbombing. Menschen bewerfen Politiker mit Glitzer – nicht als Dekoration, sondern als Markierung. Wer eine Rede hält, die andere Menschen abwertet, steht plötzlich funkelnd da. Alle schauen hin. Und der Glitzer geht nie wieder ab: Er klebt in Haaren, Stoffen, im Teppich, im Auto. Wochen später funkelt es noch. Der Glanz bleibt an denen hängen, die lieber unbemerkt geblieben wären.

 

Das vermeintliche Girlie-Zeug wird so zum Instrument, das den Blick lenkt – und wer den Blick lenkt, wartet nicht mehr darauf, gesehen zu werden. Er / sie  sorgt selbst dafür. Aufmerksamkeit ist eben keine Dekoration. Aufmerksamkeit ist Macht.

 

Und genau da lag mein Denkfehler

Ich hatte Glitzer für Gefallsucht gehalten. Dabei ist er ein Werkzeug: Er entscheidet, worauf geschaut wird. Und dieser Denkfehler steckt nicht nur in meinem alten Urteil über ein Bastelmaterial. Er bremst im Berufsleben ziemlich viele Menschen aus.

 

Wir haben gelernt: Wer glänzt, will gefallen. Wer auffällt, ist eitel. Wer sichtbar ist, hat es nötig. Also machen sich kompetente Menschen im Meeting kleiner. Sie tragen das Unauffällige, ziehen die Farbe raus, dimmen sich runter. Bloß nicht zu viel Raum einnehmen.

Aber im Pitch, im Kundentermin, auf der Bühne, im ersten Eindruck auf dem Profilfoto entscheidet Sichtbarkeit mit, wem man zuhört und wem man etwas zutraut. Wer sich runterdimmt, wählt nicht Bescheidenheit. Er nimmt sich aus der Aufmerksamkeit – und damit aus dem Rennen. Denn Aufmerksamkeit ist die Währung, in der berufliche Chancen ausgezahlt werden.

 

Was das für Deinen Auftritt bedeutet

Es geht nicht darum, dass jetzt alle Glitzer tragen sollen. Es geht um das Prinzip dahinter. Deine Kleidung lenkt den Blick – jede Farbe, jeder Schnitt, jedes Detail. Die einzige Frage ist, ob Du das dem Zufall überlässt oder selbst entscheidest.

Ein durchdachter Auftritt ist kein Eitelkeitsprojekt. Er ist die bewusste Entscheidung, worauf andere schauen sollen, wenn sie Dir begegnen. Auf Deine Kompetenz. Auf Deine Klarheit. Auf das, wofür Du stehst. Genau das ist der Kern von Stilberatung, wie ich sie verstehe: nicht Regeln, die Dich einordnen, sondern Klarheit darüber, welche Wirkung Du erzeugen willst – und wie Deine Kleidung diese Wirkung trägt, statt gegen sie zu arbeiten.

 

Glänzen ist eine Entscheidung. Und niemand außer Dir entscheidet, wofür Du sie triffst.

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